Ray Davies - Americana - Cover
Große Ansicht

Ray Davies Americana


  • Label: Columbia/Sony Music
  • Laufzeit: 59 Minuten
Artikel teilen:
6/10 Unsere Wertung Legende
8.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Ray Davies zeichnet ein Porträt von „seinem“ Amerika und kann dabei musikalisch nur manchmal an seine Glanzzeiten anknüpfen.

In Großbritannien der frühen 1960er Jahre herrschte musikalische Aufbruchsstimmung. Aus eintöniger Unterhaltungsmusik wurde schwungvoller Merseybeat und der Rock & Roll orientierte sich zunehmend an den Wurzeln des Blues, Folk und Jazz. Viele einflussreiche Musiker dieser Gattungen kamen aus den USA: Die Blueser Muddy Waters, John Lee Hooker oder Howlin` Wolf, der Protest-Folk von Woody-Guthrie und Jazz-Größen wie Lester Young oder Charlie Parker wurden wiederentdeckt und hinterließen dadurch ihre Spuren in der raschen Entwicklung der Pop-Musik. Mittendrin in diesem Trubel von faszinierenden Klängen und spannenden Herausforderungen gründete der neunzehnjährige Kunststudent Ray Davies (Gesang, Gitarre, Keyboards) zusammen mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Dave (Gesang, Gitarre) sowie Peter Quaife (Bass) und Mick Avory (Drums) am Neujahrstag 1964 The Kinks. Vorher waren sie schon drei Jahre lang als Amateurband The Ravens in ihrem Londoner Stadtteil Muswell Hill unterwegs gewesen.

Das junge Quartett hatte zunächst Glück. Sie bekamen schnell einen Plattenvertrag und nahmen zwei Singles auf. Die Lieder orientierten sich musikalisch an den frühen Beatles, wurden aber ein kommerzieller Flop. Mit der dritten Single schufen sie dann einen absoluten Rock-Klassiker, der aufgrund seiner ungezügelten Wildheit ein Musterbeispiel für jugendliches Aufbegehren ist. Das krachende Riff des Blues-getriebenen Hard-Rock von „You Really Got Me“ hat bis heute nichts von seiner Faszination eingebüßt.
In den Folgejahren etablierten sich The Kinks neben den Rolling Stones, Them, den Animals und The Who als britische Rock-Institution, die den Amis als sogenannte British Invasion ihre musikalischen Pop-Wurzeln in verschärfter Form zurückbrachten. The Kinks lieferten zahlreiche Hits ab und der Haupt-Songwriter Ray Davies entwickelte sich dabei zum aufmerksamen Beobachter des Establishments und baute seine Fähigkeiten als einfallsreicher, intelligenter Komponist weiter aus. Die Songs wurden unter anderem mit Elementen des Vaudeville gespeist und enthielten bissige, satirische und sozialkritische Bemerkungen Sie behielten dabei aber stets einen modernen Pop-Anstrich. Trotz der innigen Beschäftigung mit dem Kleinbürgertum in England blieben die USA für Ray ein Sehnsuchtsland, für das er inzwischen eine intensive Hass-Liebe empfindet. Sein Faible drückte er schon früh durch Albumtitel wie „The Muswell Hillbillies“ von 1971 und die Inhalte von „Everybody`s In Show-Biz“ von 1972 aus und manifestiert dies nun mit „Americana“.

Ray Davies hat eine fast beispiellose Karriere hinter sich. Legendär sind Songs wie „Waterloo Sunset“, „Sunny Afternoon“, „Lola” oder „Celluloid Heroes”. Legendär sind aber auch die Auseinandersetzungen mit seinem Bruder, die sogar zu Prügeleien auf offener Bühne führten und in ähnlicher Form von den Gallagher-Brüdern von Oasis „nachgeahmt“ wurden. Das mag auch daran liegen, dass die The Kinks ihren Einfluss über die Jahre nicht verloren haben. Sie waren nicht nur Vorbilder für den Britpop der 1990er Jahre, sondern haben auch den New Wave der 1980er Jahre und da vor allem Paul Weller und die Pretenders stark beeinflusst.

The Kinks haben sich nie offiziell aufgelöst, aber eine wirkliche Reunion scheint trotzdem unwahrscheinlich. Zwar ist der Bruderzwist beigelegt, denn beide Seiten beteuern heute, dass sie sich innig lieben. Aber gesundheitliche Probleme machen es für Dave schwierig, weiter am Rock & Roll-Leben teilzunehmen. Und Ray, der in New Orleans wohnt und dort 2004 von einem Kriminellen angeschossen wurde, scheint auch keine großen Ambitionen zu hegen, die Vergangenheit aufleben zu lassen. Dafür gibt es jetzt mit „Americana“ nach zehn Jahren ein neues Studioalbum von ihm, das auf zwei Teile ausgelegt ist. Das Besondere daran ist zunächst, dass er sich als Begleitband The Jayhawks aus Minneapolis ausgesucht hat, eine Vorzeigeformation des Alternative-Country. Gary Louris & Co. sind theoretisch auch die Idealbesetzung für das Vorhaben, Rays Biographie musikalisch umzusetzen, weil sie sich sowohl im Americana-Umfeld auskennen, als auch das Gestalten eines anspruchsvollen Pop-Songs beherrschen.

Die Aufnahmen zu „Americana“ fanden ab Oktober 2015 im Konk Studio in London statt, das von den The Kinks 1973 eingerichtet wurde. Das Werk ist sehr persönlich gehalten und hat musikalisch nur wenig mit dem Americana-Sound zu tun, sondern es betrachtet die Idee oder Vision, die man mit den USA assoziiert. So schätzt zumindest der The Kinks-Chef die Bedeutung und das Umfeld seiner aktuellen Lieder ein. Der Track „Americana“ ist eine Hommage an die imposanten Landschaften der Vereinigten Staaten, wie die Schluchten des Grand Canyon, den Mond über Kentucky, den Himmel über Montana oder die weitläufige Sierra Nevada. Die Jayhawks breiten dafür ihre schillernden, glänzenden Harmonien aus, um Gefühle von Weite, Ruhe und Ergriffenheit zu transportieren und harmoniert bestens mit Ray.

„The Deal“ dümpelt ohne zwingende Melodie vor sich hin, der ständig erwartete Kick bleibt aus. Inhaltlich beschäftigt sich der Titel mit der Fehleinschätzung eines jungen Musikers, der erwartet, dass ihm ein Plattenvertrag automatisch Glück, Geld und Erfolg verschafft. „Poetry“ erinnert an die Frühsiebziger Alben der Kinks wie „Everybody`s In Show-Biz“ und kann aufgrund seines Schwungs und seiner Lässigkeit überzeugen. Die Ballade „Message From The Road“, die Ray mit Unterstützung von Karen Grotberg von den Jayhawks singt, ist eine sehr rührselige Angelegenheit geworden. Der gemütlich schunkelnde Old-Time-Country „A Place In Your Heart“ macht zunächst Spaß. Das Lied wird auch gesanglich von Karen mitbestimmt, die ihre Stimme allerdings deutlich zu gefällig einsetzt. Der sich betont bedächtig schleppende Shuffle „The Mystery Room“ beschäftigt sich mit der Sterblichkeit und auch der Spoken-Word-Beitrag „Silent Movie“ handelt vom Tod. Hier werden die Erinnerungen an das letzte Gespräch zwischen Ray und seinem Nachbarn, dem Musiker Alex Chilton, vor dessen plötzlichen Tod wiedergegeben.

Beim Folk-Rock „Rock’n’Roll Cowboys“ ergänzen sich Band und Sänger perfekt. Rays lakonischer Gesang wird vom kompakten, lockeren Country-Folk geschmeidig aufgefangen. Das Blues-infizierte, stampfende „Change For Change“ hat bei aller Coolness auch eine aggressive Komponente, die der Komposition gut tut. „The Man Upstairs“ ist ein weiterer Spoken-Word-Track, bei dem über Erlebnisse vom Tournee-Leben berichtet wird. Swingender Jazz bildet die Basis von „I’ve Heard That Beat Before“ und „A Long Drive Home To Tarzana“ ist eine zu seicht geratene Ballade. „The Great Highway“ zeigt vorsichtig den rockenden Ray mit teils aggressiver Stimme. Beim munteren Folk „The Invaders“ dreht es sich um die Geschehnisse während der ersten Amerika-Tournee der Kinks im Jahr 1965, als die amerikanische Musikergewerkschaft ein vierjähriges Auftrittsverbot über die Band verhängte. „Wings Of Fantasy“ ist eine Pop-Nummer, bei der die Jayhawks ihre Erfahrungen im Umgang mit dezent swingenden Songs ausspielen können und Ray mit überlegtem Gesang und einer griffigen Melodie glänzt.

„Americana“ ist erzählerisch stark, aber im Anbetracht dessen, was Ray Davies in der Lage ist, kompositorisch zu leisten, sind manche Songs eher mager ausgefallen. Da können dann auch die versierten Jayhawks nichts mehr retten. Ray Davies geht auf Nummer sicher und präsentiert oft konsensfähige Lieder, die Ecken und Kanten, Überraschungen und Angriffslust vermissen lassen. Was „Americana“ trotzdem über den Durchschnitt rettet, ist der Tatbestand, dass die Songs geschmackvoll aufbereitet und erfahren interpretiert wurden. Manche entsprechen aber leider in ihrer Gemütlichkeit nicht den hohen Maßstäben, die an die Legende angelegt werden sollten.

Anspieltipps:

  • Poetry
  • The Mystery Room
  • Rock’n’Roll Cowboys
  • Change For Change
  • Wings Of Fantasy

Neue Kritiken im Genre „Pop/Rock“
Diskutiere über „Ray Davies“
comments powered by Disqus