Neil Young - Barn - Cover
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Neil Young Barn


  • Label: Reprise/WEA
  • Laufzeit: 43 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
8.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Neil Young zeigt sich mit 76 Jahren in Höchstform und schnürt auf „Barn“ ein Bündel aus zehn Songs, die wie ein Querschnitt aus seinen größten Werken klingen.

Es klingt unglaublich, aber Neil Young hat es in diesem Jahr tatsächlich geschafft, seine bis dato schon phänomenale Veröffentlichungsquote noch weiter zu steigern! Mindestens ein neues Studioalbum pro Jahr ist dabei Pflicht. Dazu bringt der 76-Jährige sukzessive mehr oder weniger rares Archivmaterial auf den Markt, mit dem vornehmlich seine Hardcore-Fangemeinde glücklich gemacht werden soll, auch wenn der Spaß mächtig ins Geld geht. Aber es wird ja niemand gezwungen, die vielen Platten lückenlos zu erwerben. Im Prinzip ließen sich auch nur die vermeintlichen Rosinen rauspicken. So wie „Barn“, das 41. Studiowerk des Kanadiers und damit die inzwischen 14. Zusammenarbeit mit seiner Band Crazy Horse.

Ganz so wie es sich der Neil-Young-Hörer in seiner Fantasie ausmalt, wurde „Barn“ im Juni 2021 auf Youngs Grundstück in einer neu errichteten Scheune hoch in den Rocky Mountains aufgenommenen und von Niko Bolas (u.a. Steve Perry, Melissa Etheridge, Robben Ford, New Model Army) produziert. Auf dem Cover grüßt die im Vergleich zu früheren Zeiten etwas dezimierte Truppe, bestehend aus Neil Young (Gesang, Gitarre), Nils Lofgren (Gitarre), Billy Talbot (Bass) und Ralph Molina (Drums), die Hörerschaft wie aus den Kulissen der Fernsehserie „Die Waltons“, nur dass die Geschichten von Onkel Neil weit weniger weichgespült sind. Auf „Barn“ kratzt Young seinen beständigen Starrsinn zusammen und beschäftigt sich in zehn musikalisch zeitlosen Stücken mit dem aktuellen Zustand der Gesellschaften sowie des geschundenen Planeten und gemahnt am Ende, die Liebe nicht zu vergessen („Don’t forget love“). Wir haben verstanden!

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Das alles geschieht in über fünf Dekaden vertraut gewordenen Szenarien aus ruhigen Folksongs („Song of the seasons“), leicht windschiefen Rock- („Heading west“) und Blues-Stücken („Shape of you“) sowie schrammeligem Grunge („Canerican“, „Human race“). Wie es sich dazu gehört, verströmt „Barn“ von Beginn an die Atmosphäre einer rumpeligen Analog-Produktion mit dem Klangbild eines wärmenden Kaminfeuers. Würden einzelne Songs nicht ziemlich abrupt ausgeblendet werden, könnte der Hörer glatt zu der Auffassung gelangen, es mit einem Live-Album zu tun zu haben. So aber leistet sich Neil Young auf „Barn“ zumindest die kleine Schwäche, einige Tracks gefühlt nicht komplett fertig produziert zu haben.

Auf den ersten Blick scheint „Barn“ ein absolut typischer Studio-Longplayer aus dem Hause Young zu sein, so wie er sie Jahr für Jahr auf den Markt bringt. Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn der 76-Jährige schafft es heuer, die unterschiedlichen Stilarten seiner großen Werke aus den 60ern („Everybody Knows This Is Nowhere“), 70ern („Harvest“), 90ern („Ragged Glory“) und den Nullerjahren („Living With War“) – die unrühmliche Geffen-Phase in den 80er Jahren brachte ja leider nur Schrott zu Tage – miteinander zu verbinden und erreicht damit ein Level, das er schon länger nicht mehr abgerufen hat.

Exemplarisch dafür steht mit „Welcome back“ ein achtminütiges Epos, das Youngs brüchige Stimme und ein traumwandlerisches Gitarrenspiel in das Zentrum des Geschehens rückt. Dazu holen Young und Crazy Horse den Hörer mit einer Story ab, die den Charakter dieses Albums auf den Punkt bringt: „Gonna sing an old song to you right now. One that you've heard before. Might be a window to your soul I can open slowly. I've been singing this way for so long. Riding through the storm. Might remind me of who we are. And why we walk so lowly“.

Anspieltipps:

  • Canerican
  • Human race
  • Shape of you
  • Welcome back
  • Song of the seasons
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