Placebo - Never Let Me Go - Cover
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Placebo Never Let Me Go


  • Label: PIAS/Rough Trade
  • Laufzeit: 56 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
8.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Es ist nicht das Ende der Welt, sondern nur das Ende der Menschheit. Ein Unterschied, den wir in unserer überzogenen Hybris nicht erkennen können. Mutter Natur ist unser überdrüssig geworden.

Nachdem Brian Molko (Gesang, Gitarre) und Stefan Olsdal (Bass) alias Placebo mit „A Place For Us To Dream“ (10/2016) zuletzt eine Greatest-Hits-Sammlung und mit „MTV Unplugged“ (11/2015) ein Live-Album auf den Markt brachten, ist es 8½ Jahre nach „Loud Like Love“ (09/2013) endlich wieder an der Zeit für einen neuen Studio-Longplayer. Die Phase, in der Placebo ausschließlich ihren Backkatalog abfeierten und live auf die größten Bühnen der Welt brachten, stellte sich für das Duo zurückblickend als Albtraum heraus, den Brain Molko verbittert kommentiert: „Ich fand, dass das alles zu kommerziell wurde, in dieser Zeit der Retrospektive. Die ganze Sache war eher kommerziell als künstlerisch und wir haben uns dagegen gewehrt. Ich dachte mir: Scheiß drauf, die nächste Platte wird vom Schmerz der Welt handeln! Der stumme Schrei, der überall zu hören ist. Nicht dieses masturbatorische, selbstbeweihräuchernde Zwei-Jahres-Ding von wegen ‘sind wir nicht toll?‘“.

Placebos achtes Album sollte eigentlich im Sommer 2020 erscheinen und war zu Beginn der Corona-Pandemie bereits zu 85 Prozent fertiggestellt. Molko und Olsdal trafen dann aber die Entscheidung, das Werk noch einmal umzuarbeiten. So entstanden am Ende 13 Songs, die allesamt als gesellschaftskritische Statements durchgehen und den aktuellen Zustand unserer Welt dokumentieren. Aus der Pandemie heraus blicken Placebo dabei auf eine grauenhafte Landschaft der Intoleranz, Spaltung, technischer Übersättigung, drohender Öko-Katastrophe und einer befürchteten Apokalypse, die sich mit den drei Vorabsingles „Try better next time“, „Beautiful James“ und „Surrounded by spies“ nicht so unkommerziell wie befürchtet ankündigte.

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CDie Grundgerüste der meisten Tracks basieren auf einen Unterbau aus Synthesizern und Drum-Computern, auch wenn z.B. Tour-Schlagzeuger Matthew Lunn ebenfalls mit von der Partie war und sich die E-Gitarre markant wie eh und je aus den Boxen drängelt. Dadurch geben sich Placebo schon mit den eröffnenden Klängen von „Forever chemicals“ klar erkennbar, was auch dem Produzenten Adam Noble (Liam Gallagher, Don Broco, Biffy Clyro, Bill Ryder-Jones, Deaf Havana, Nothing But Thieves) zu verdanken ist, der wie schon beim 2013er Vorgänger an den Reglern saß. Dieser ließ die Herren Molko und Olsdal ohne Kompromisse von der Kette, damit sich diese in vor Pathos schäumenden Hymnen („Beautiful James“, „Twin demons“), mit peitschenden Rock-Gitarren („Hugz“, „Sad whirte Reggae“), symphonischen Popsongs („The prodigal“) und sphärischen Klängen („Surrounded by spies“, „Went missing“, „This is what you wanted“, „Fix you“) austoben konnten.

Placebo haben viel Zeit damit verbracht, ihr 20-jähriges Jubiläum zu feiern, was selbst ihnen irgendwann zu viel wurde. Dabei scheint sich jede Menge Energie aufgestaut zu haben, die das Duo Molko und Olsdal in 13 richtig starke Songs einfließen ließ. Damit überzeugt „Never Let Me Go“ ohne Hänger und Füllmaterial über die gesamte Spielzeit als fokussiertes Rockalbum, das alle Stärken des Placebo-Sounds ausspielt, ohne sich in Wiederholungen bzw. Pseudo-Innovationen zu verheddern. Ganz ehrlich: Damit war nach einigen etwas unentschlossen wirkenden Alben nicht zwingend zu rechnen. Umso schöner ist es, dass kleine Rock-Dinosaurier wie Placebo auch nach über zwei Dekaden noch in der Lage sind, packende Werke abliefern.

Anspieltipps:

  • Hugz
  • Fix you
  • Went missing
  • Beautiful James
  • Sad white Reggae
  • Surrounded by spies
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