Leserkritiken zu
Deftones - White Pony

  • Rock
10/10 Unsere Wertung
6.4/10 Leser Stimme ab!

23.03.2006 - 19:05 Sascha Ganser Die deftones galten vom chaotischen Beginn mit “Adrenaline” an als Mitbegründer und Wegweiser des New Metal, der mit Limp Bizkit, KoRn und später Ablegern wie Linkin Park letztlich zweispurig wurde und jene poppigere, eingängigere und stärker auf das Laut-Leise-Schema bedachte Richtung am Ende bevorzugte. Was die deftones dem Genre mit auf den Weg gaben, war undurchdringlicher und ganz einfach sphärischer. Unschlüssig im Zugang, war dies wohl der Grund, weshalb diese tiefer gehende Interpretation des New Metal stets ein peripheres Dasein fristen musste; was wäre gewesen, hätte sich die Richtung stärker hierhin konzentriert. Aggro-geile Kiddies wären nie auf den “Nu Metal”-Zug aufgesprungen, die Musik hätte länger überlebt und wäre heute wohl da, wo nun der Prog-Metal steht, hätte mit ihm womöglich eine hervorragende Symbiose entwickelt, wie sie heute ehemalige Größen wie KoRn zu reinterpretieren versuchen.

Chino Moreno (Vocals und Gitarre), Abe Cunningham (Drums), Chi Cheng (Bass), Frank Delgado (Turntables) und Stephen Carpenter (Strings) spielten im Jahr 2000 dasjenige Album ein, das möglicherweise als ihr absolutes Meisterstück betrachtet werden muss und von dem man eigentlich ausgehen kann, dass es niemals wieder übertroffen wird. Der selbstbetitelte Nachfolger war drei Jahre später relational eine Enttäuschung, mit dem Nebenprojekt Team Sleep hat sich Chino Moreno bislang auch keinen allzu großen Gefallen getan. Nicht unterschlagen werden sollte die Tatsache, dass auch “Around the Fur” ein Meisterwerk war, das die klassischen New Metal-Elemente noch am meisten bediente, während das Debüt “Adrenaline” eine gute, rohe, vor Potenzial strotzende Platte war, der aber die semantische Tiefe zugunsten der aufgestauten Aggressionen noch etwas abgingen.

Diesbezüglich ist nun “White Pony” wie eine Weintraube, die endlich alle Reifestadien durchlaufen hat. Dem Außenstehenden wird diese Platte, beginnend bei dem simplen Cover-Design, außerordentlich steril vorkommen, kalt und unangenehm. Cunninghams Drums peitschen die Melodie in Schüben nach vorne, die sich aus behäbigen Gitarrenriffs ergeben, welche hypnotisch durch den Gehörgang krachen wie eine Wasserwelle nach der anderen. Morenos Organ ist voluminöser und zugleich fragiler als je zuvor, bildet mit den Wellen eine schiefe Frontlinie, die durch einen stetigen Wechsel der Songpartikel vorangetrieben wird. Geht man zum ersten Mal an “White Pony” heran, ja kennt man womöglich noch nicht einmal die Vorgänger, so entsteht vielleicht sogar ein Gefühl der Ablehnung, das sich daraus ergibt, nicht durch den dichten Soundwall brechen zu können und das Konzept nicht zu verstehen. Der Mensch hat Angst vor dem Unbekannten, und das ist das “Problem” bei den deftones: Sie erschließen sich dem Hörer nicht sofort. Und zwar aus anderen Gründen als etwa bei “Tool”, deren Musik durch die unzähligen zu ordnenden Einzelelemente schwer nachvollziehbar ist. Hier jedoch ist es ein einziger, bizarrer, verzerrter Klumpen. Im Prinzip beim ersten Mal eingängig und schlüssig, aber eben unharmonisch.

Es braucht Zeit. Denn es verändert sich. Und wer zu voreilig ist und frühzeitig das weiße Pony in die Ecke wirft, der verpasst die schönste Metamorphose seit der Entdeckung des Schmetterlings.

“Digital Bath” für sich betrachtet ist eine einzige Offenbarung, wahrscheinlich mit das Beste, was Moreno akustisch zustande gebracht hat. Die Art und Weise, wie sich seine Stimme hier zwischen zarter Zerbrechlichkeit und vollkommen isolierter Energie umwandelt und dadurch pure Melancholie zum Vorschein bringt, ist einfach phänomenal. Tatsächlich baden wir während dieser vier Minuten in digitaler Isolation. Ein Akt von größter Grausamkeit und absoluter Schönheit.
Mit “Elite” folgt sogleich mal eben das härteste Stück Musik aller deftones-Platten. Die Riffs hämmern wie ein wilder Mustang durch die Boxen, Chino krächzt sich zugleich die Seele aus dem Leib, als wolle er die Gitarre nur noch weiter aufschrecken, anstatt sie zu zäumen. Je länger man diesem Stück zuhört, desto stärker fühlt es sich an wie ein metallisches Konstrukt, dem ein organisches Wesen zu entkommen versucht - vergeblich.
Im folgenden entwickelt sich das Album nur noch weiter zu einem zusammenhängenden Einzelstück. Kaum ein Song würde ausgekoppelt die gleiche Effektivität erreichen, schon gar nicht wäre einer der Songs chartstauglich. “Teenager” ist gar ein seichtes Stück Einschlafmusik, mit sanften Tönen, unterlegt von verzerrten Drums und einer Art Radiorauschen. Und dann kommt “Knife Party”, das den ungewöhnlich starken Endteil grandios einleitet. Moreno zieht im Grundgerüst die Vocals lang, stemmt sich gegen die Leitmelodie und setzt seine Stimme deftones-typisch nicht analog zu ihr ein. Der Refrain ist fast poppig, und dann überrascht uns mitten im Song ein orientalisch anmutendes, definitiv jedoch extrem exotisches Zwischenspiel mit einem genialen Hintergrundgejaule, das sich bis in die höchsten Tonlagen aufwiegt und am Ende kaum noch menschlich wirkt. Superklasse.

Aber noch gar nichts gegen das, was zwei Titel weiter in dem absoluten Album-Höhepunkt kulminiert. Da ist es fast zu schade um den Lückenfüller “Korea”, denn der entfaltet seinerseits selbst eine tolle Atmosphäre mit seinen tief grunzenden Gitarren und dem einnehmenden Rhythmus - fatalerweise ist er zwischen zwei Brechern gefangen. Umzäunt wird er letztendlich nämlich von “Passenger”, DEM Übersong auf “White Pony”. Kaum eine Überraschung, gibt sich doch niemand geringerer als Maynard James Keenan die Ehre, der Kopf der genialen Tool und A Perfect Circle... und hat man Moreno als deftones-Anhänger bis zu diesem Punkt womöglich noch als den Gott betrachten können, und das nicht einmal zu Unrecht, so muss er hier Tribut zollen vor dem genialen Keenan, der mit seiner himmelsgleichen Stimme gleich mal zeigt, dass es noch weitere Götter neben dem Einen gibt... sogar noch größere. Die Tool-Einflüsse sind ganz klar spürbar, und das nicht nur durch Keenans gänsehauterregend geshoutetes “Passenger”. Die Melodie ist beinahe angsteinflößend in ihrer Wirkung, und man möchte es wieder und wieder hören.
Als wäre es mit diesem 6-Minüter noch nicht genug, wird gleich der nächste Knaller hinterhergepfeffert, nach “Passenger” nämlich mit “Digital Bath” gleichauf der zweitbeste Song des Albums - was für ein Finale. “I watched you change into a fly - It’s like you never had wings” haucht Moreno ins Mikro, während eine Sirene durch den Hintergrund schallt, die durchaus dem Videospiel “Silent Hill” entstammen könnte. Dann bricht die Frontgitarre in dieses unheimliche Szenario, Moreno spielt sein ganzes Können aus und ist wieder Gott.

Mit “Pink Maggit” (endet schließlich in “Back to School”) läuft dann ein Meisterwerk aus, das es in sich hatte. Man mag es als mechanischen Abfall titulieren, für einige ist es vielleicht sogar ein riesiger Haufen digitaler Exkremente - jedoch liegt hier automatisch der Verdacht nahe, dass “White Pony” in diesem Fall nicht gehört, sondern nur angehört wurde. Nicht jeder muss es mögen; ich kann hier nichts weiter tun als zu attestieren, dass “White Pony” wahrlich ein großes Album ist, ein Album für die Ewigkeit. Eines, das man gehört haben sollte. Tiefgehend, so wie das Wesen des weißen Ponys selbst.
9/10

10/10