Leserkritiken zu
Moneybrother - To Die Alone

  • Indie-Pop
7/10 Unsere Wertung
5/10 Leser Stimme ab!

25.12.2005 - 22:32 Jan Henze
O brother where art thou?

Die Liebe auf den ersten Blick ist trügerisch und gefährlich...
Heiß und innig gefangen in der Schönheit des Augenblicks ist man besonders anfällig für die bösen Überraschungen und Enttäuschungen, die die zweite Begegnung birgt. Warum sollte es in der Popmusik anders sein, als im richtigen Leben?

Als Anders Wendin vor einem Jahr das Debutalbum seines Charakterprojekts Moneybrother veröffentlichte ging alles ganz schnell.
Ein Video, in den höchsten Fast-Forward-Tönen (r.i.p.) angepriesen, und ein Song, der tief reinging ins Herz und seitdem nicht wieder rauswollte. „Reconsider me“ und die dazu gehörige Platte „Blood panic“ waren genau das wonach ich gesucht hatte, ohne je zu wissen, dass es etwas zu finden gab.
Diese Mischung aus Punk und Pomp, aus der Energie eines Joe Strummer und dem Verve eines Marvin Gaye oder Curtis Mayfield war etwas ganz besonderes und ein ständiger Begleiter 2004.

In seiner Heimat Schweden längst ein gefeierter Star, hat es Moneybrother durch Konzerte, Kuttner, Karaoke dieser Tage nun auch in der Qualitätswüste Deutschland zu einem gewissen Bekanntheitsgrad gebracht. Gerade rechtzeitig zum Release des Nachfolgers „To die alone“.

„More drama, more soul, more pain, more rock’n’roll” kündete die Website des Künstlers von großen Dingen. Nichts anderes durfte man erwarten, zumal auch Vorab-Single und Albumopener „They’re building walls around us“ eben diesen Eindruck weckt.
Ein stürmisches Meer aus Geigen, himmelhochjauchzende Uh-uh-uh-Chöre und ein Sänger, der mal wieder all seinen elendig bitteren Herzschmerz vor uns ausbreitet. „It seems that I fell out of luck into the outstreched armes of fucked up“.
Crying at the discothek, aber bitte richtig!

Was bei der nach vorne drängelnden Single noch fantastisch funktioniert, entpuppt sich 37 Minuten später aber als einer der großen Schwachpunkte der Platte.

Wendin mutet seinen Songs viel zu viel Bombast zu, die traurigen Geschichten wirken wie eingeschnürt unter der Streicherlast und finden keinen Platz zum Atmen. Besonders deutlich wird dies beim eigentlich wunderschönen „I’m not ready for it, Jo“, das sich immer weiter hereinsteigert, bis es an der Violinenunterwanderung und am eigenen Klischee erstickt.
Leider bleibt das Quasi-Sequel zur wunderbar getragenen „Blood panic“ Ballade „It’s been hurting all the way with you Joanna“, nicht das einzige Stück, das die Grenze zur Schmalzigkeit, gerne auch mal bis ins Unerträgliche, überschreitet.
Wenn der Moneybrother früher in Selbstmitleid gebadet hat, so steht er nun kurz vor dem Ersaufen. Schlimmer noch, die immer gleiche Leier vom Alleinsein und der bösen bösen Liebe vermag nur noch selten richtig zu berühren. Zu ähnlich sind sich seine Erzählungen, zu langweilig die Umsetzung.

Wirklich Frische mitreißende Momente, wie im erfreulich schrägen „My lil’ girl’s straight from heaven“ sind leider deutlich in der Minderheit, und selbst unter den Highlights hätte, neben der „Walls“ Single, lediglich „Nobody’s lonely tonight“ das Zeug, sich auf dem Vorgänger deutlich in den Vordergrund zu spielen.
Immerhin beweist, Wendin bei diesem wunderschönen Pianostück, dass ihm nicht jegliches Gefühl für die ruhigen Momente abhanden gekommen ist. Wenn er hier zärtlich über der Melodie croont, stellen sich gewiss nicht nur bei Frau Kuttner die Nackehaare auf.

Unterm Strich ist „To die alone“ sicherlich kein schlechtes Album, eine Enttäuschung, ob der hohen Qualität des Erstlings, ist es aber allemal. Sowohl den Songs selber, als auch der Umsetzung und Produktion mangelt es zwar nicht an Leidenschaft, wohl aber an Esprit und der Anders Wendin eigenen Live-Energie, die auf „Blood panic“ noch überall zu spüren war.

Die Hoffnung für den Sommer: Auf der Bühne wird Moneybrother wohl weiterhin ohne Streicherquartett auskommen müssen, es kann nur zu seinem besten sein.

4/10